Castello di Volpaia in Rada in Chianti

Schlösser und Burgen im Chianti

Das Chianti-Gebiet, das erstmals im achten Jahrhundert dokumentiert wurde, damals noch als „Clanti“, erstreckt sich über ein Drittel der Toskana. Im Norden begrenzt vom Val di Greve, im Westen von Teilen der Flusstäler von Elsa und Pesa, im Osten gehören Teile des Valdarno (Arnotal) und des Val d’Ambra dazu. Der Südosten grenzt an die Crete Senesi (die Tonerde Sienas), eine Erosionslandschaft südlich von Siena mit weißen, vegetationslosen Hügeln und der Südwesten an die Seneser Gebirgskette, die Montagnola Senese.

Toskanische Landschaft
Die toskanische Landschaft dem Castello di Brolio aus gesehen. Chianti © Visit Tuscany (bearbeitet), [CC BY 2.0] über Flickr
Die Etrusker waren die ersten Besiedler der Toskana einschließlich des Chianti-Gebietes. Aus  Kleinasien eingewandert, hinterließen sie viele Spuren, u. a. von ihrer grandiosen Handwerkskunst. Und – sie hinterließen der Region ihren Namen. Aus Tuscia, in Anlehnung an die Etrusker, wurde Toskana. Die Nächsten, die dem Gebiet ihren Stempel aufdrückten, waren die Römer. Beide Kulturen kannten den Weinbau und machten ihn in der Toskana heimisch.

In dieser Kulturlandschaft entstanden Dörfer, Kirchen und Klöster. Festungen und Burgen wurden gebaut, die bis in die friedlichen Zeiten überdauerten und von denen viele zu Landgütern, Villen und Winzereien wurden. In der Region vollzog sich auch eine wirtschaftliche Veränderung durch die Olivenhaine und Weinberge, die durch umfangreiche Waldrodungen entstanden. Mit dem wirtschaftlichen Erfolg im Chianti-Gebiet, der nicht zuletzt dem Wein zu verdanken war, wuchs auch die Bekanntheit der Region und der Handel blühte auf.

Die landwirtschaftliche Prägung der Toskana, in die das Chianti-Gebiet eingebettet ist, macht den besonderen Reiz des großflächigen, gartenähnlichen Landstriches aus. Die Bauvorschriften sind streng. Große, vielstöckige Hotelanlagen sind hier undenkbar.

Vieles ist, wie es seit Jahrhunderten war. Davon zeugen noch immer zahlreiche Burgen, Schlösser und Herrenhäuser, von denen die wenigsten ungenutzt in der Landschaft stehen. Sie werden bewohnt, bilden u. a. Heimstätten von Weinbauern und dienen auch als Gästehäuser.

Die Straße der Burgen – La Strada dei Castelli del Chianti

Die Initiative, eine Burgenstraße ins Leben zu rufen, ging von der Chianti-Gemeinde Gaiole aus. Die Gegend ist übersät von Burgen und Herrenhäusern, von Abteien und Festungen, deren Erkundung ohnehin nicht an einem Tag zu schaffen ist.
Dabei steht nicht nur eine Straße zur Auswahl. Es gibt sechs unterschiedliche Routen, die nach Farben bezeichnet sind.
Der Braune Reiseweg führt von Pieve di Spaltena nach Vistarenni.
Die Rote Straße beginnt in Tornano und endet in Monte Lodoli.
Unmittelbar von Gaiole aus gelangt man über die Gelbe Route nach Badia a Coltibuono.
Auf der Violetten Straße gelangt man von Vertine über Meleto bis Montecastelli.
Es gibt die Blaue Route. Hier gelangt man von San Giusto a Rentennano zum Castello di Brolio, das eine der berühmtesten Attraktionen ihrer Art ist.
Und von Campi nach Le Selve führt die Orange Straße.
Wer auf historisch-kulturellen Pfaden unterwegs ist, für den sind im Folgenden einige Beispiele aus der Vielzahl aufgeführt:

Die Burg Cacchiano (Rote Straße)

Die Burg Cacchiano war etwa ab dem 13. Jahrhundert im Besitz der Familie Ricasoli, deren Besitztümer überall im Chianti anzutreffen sind. Nachdem die Burg durch die Kampfhandlungen mit den Aragonesen großen Schaden genommen hatte und im Jahr 1478 heftigen Kanonenbeschuss aushalten musste, blieb der Familie Ricasoli nichts anderes übrig, als die Burg wieder aufzubauen. Allerdings wurde sie dann erst einmal zu einer Unterkunft für die Siena-Flüchtlinge. In der Folgezeit gab es andauernde Kämpfe um die Burg-Herrschaft. Schließlich zerstörten die Bewohner von Siena 1530 die Festung fast vollends. Geblieben ist eine Anlage, die immerhin einen herrlichen Ausblick über die Landschaft ermöglicht und Reste der verschiedenen Bau-Epochen offenbart. Dabei weist der Nordflügel sichtbare mittelalterliche Architektur auf, der in der Spätrenaissance in eine Villa umgebaut wurde, wovon die eleganten Fenster zeugen.

Montecastelli (Violette Straße)

Wieder ein Prachtstück aus dem einstigen Besitz der Ricasoli-Familie ist Montecastelli, das um 1203 erwähnt wurde. Die Burg geriet im 14. Jahrhundert zwischen die Fronten der Florentiner und den Bewohnern Sienas. Nach einigem Hin und Her wurde sie 1478 im Eifer der Gefechte letztlich zerstört. Doch ganz verschwand die Burg nicht. Von ihrer Pracht zeugen noch heute Fragmente und eine hohe Steinwand, die mit wundervollen Fenstersimsen besticht. In ihrer Umgebung gibt es zudem wunderschöne Ferienhäuser, die ebenfalls historischen Charakter haben.

Castello di Tornano (Rote Straße)

Castello Tornano
© „Castello Tornano“ von luckyprof – Eigenes Werk, [CC-BY-SA 4.0] über Wikimedia Commons
In der Nähe von Gaiole, in der Chianti-Provinz Siena, steht das Castello di Tornano auf einer Anhöhe. Errichtet im frühen Mittelalter, wurde die Burg erstmals 1203 erwähnt. Die Anfahrt über eine Schotterstraße ist ein wenig abenteuerlich. Doch die malerische Kulisse entschädigt für die Mühen. Die Burg, die heute ein Weingut mit integriertem Hotel ist, war einst im Besitz des senesischen Adeligen Guarnellotto de’Mezzolombardi. Jedoch hatte ihm Kaiser Barbarossa wegen dessen Aufbegehrens gegen ihn das Castello Tornano im Jahr 1167 entzogen und gab es weiter an Ranieri de‘ Firidolfi Ricasoli. Ein Schiedsspruch von 1203 – die besagte erste Erwähnung – entzog Guarnellotto de’Mezzolombardi das Castello endgültig, der bis dahin noch immerhin Verwaltungs- und Kontrollpflichten übernommen hatte und von Siena unterstützt wurde. Nun war aber das Umland von Tornano an Florenz gegangen, konnte erst 1229 von Siena zurückerobert werden, bis es dann 1235 an Florenz zurückfiel. Die Familie Ricasoli behielt das Castello rechtmäßig, baute die Burg um, ließ neue Wehranlagen bauen und konnte zwei Angriffe der Aragonesen im 15. Jahrhundert abwehren. Im Jahr 1530 gelang kaiserlichen Truppen die Eroberung der Burg.

Von den Besitzkämpfen ist heute nichts mehr zu spüren. Die einstige Burgkapelle wurde zu einem Weinkeller, die Reste der ehemaligen Burgmauern und der trapezförmige Turm erinnern an die Vergangenheit, der Burggraben wird als Swimmingpool genutzt.

Das Castello war schon fast eine Ruine, bis die Familie Selvolini die Burg in den 1970er Jahren renovierte, ausbaute und heute als Weingut mit Hotel betreibt.

Badia a Coltibuono (Gelbe Straße)

Badia a Coltibuono
© „Badia a Coltibuono“ von LigaDue – Eigenes Werk,lizenziert unter  [CC-BY-SA 4.0] über Wikimedia Commons
Ebenfalls in der Nähe von Gaiole befindet sich eine der ältesten Toskana-Klosteranlagen, Badia a Coltibuono. Fast tausend Jahre alt ist die Geschichte dieses Klosters, dessen Existenz Benediktinermönchen zu verdanken ist, die es nicht nur bauen ließen, sondern zeitgleich mit dem Weinbau begannen. Die Mönche wurden vertrieben, als Napoleon 1810 in die Toskana kam. Ein Bankier aus Florenz, Michele Giunti, wurde 1846 der neue Besitzer. Er ist ein Vorfahr der heutigen Besitzer, in deren Kellergewölben noch ein stattlicher Bestand an alten Riserva-Weinen schlummert. Heute ist Badia a Coltibuono ein namhaftes Bio-Weingut und im Besitz der Familie Stuchi-Prinetti.
Seit 2003 wird nur noch biologischer Weinbau in Handlese betrieben. Der Erfolg mit dem Chianti Classico, dem nativen Olivenöl und den Weißweinen gibt der Familie Recht.

Castello di Volpaia (Radda im Chianti)

Bei Radda, in der Provinz Siena gelegen, ragt das Castello di Volpaia aus einem Panorama von Weinbergen und Olivenhainen. Das Schloss stammt aus dem frühen Mittelalter. Ein erster Beleg geht auf 1172 zurück. Damals war die strategische Lage auf einem Hügel sehr wichtig, denn Volpaia musste sich lange Zeit mit den Streitigkeiten zwischen Siena und Florenz auseinandersetzen und war auch zeitweise selbst darin verwickelt. Bauliche Ergänzungen und kriegerische Zerstörungen konnten dem Gebäude eines nicht nehmen: den Charakter einer florentinischen Festung. Der Hauptturm, der größte der Verteidigungstürme, einige Teile des Mauerrings und ein kleinerer Turm sind noch heute sichtbare Zeugnisse einer unruhigen Vergangenheit. Die alte Kirche von Volpaia mit einem fast rechteckigen Grundriss stammt wahrscheinlich aus dem 14. Jahrhundert, genau lässt es sich nicht datieren. Die Anlage und der Bau der Kirche, die Hinweise auf die Architektur von Michelozzo Michelozzi aufweisen, könnten auch dem 15. Jahrhundert zugeschrieben werden. Siena hatte den Niedergang seiner Macht erlebt, 1555 war die Republik gefallen und für die Chianti-Region wurden die Zeiten friedlicher. Allmählich spiegelte sich das auch in der Architektur wider. Das Castello, das nicht mehr Verteidigungszwecken diente, konnte seinen Charakter als Festung ablegen. Im 18. Jahrhundert wurden die baulichen Überreste säkularisiert. Während bei den meisten Gebäuden im Chianti der helle Kalkstein dominiert, verleiht der Sandstein des Castello di Volpaia eher etwas Düsteres.

Die Spätrenaissance beeinflusste die baulichen Veränderungen und heute ist die Burg ein Weingut, das Gästen neben Weinverkostungen auch Übernachtungsmöglichkeiten bietet. Ein prächtiger Olivenhain mit Ölmühle komplettiert das heutige Castello di Volpaia.

Castello di Brolio (Blaue Straße)

Castello di Brolio
Castello di Brolio“ © Darold Massaro (bearbeitet), Public Domain, Flickr

Seit 1141 ist das größte Schloss im Chianti im Besitz der Familie Ricasoli und seitdem wurde dort Weinbau betrieben. Kaum ein anderer Name ist so untrennbar mit dem Chianti-Wein verbunden wie der von Baron Bettino Ricasoli (1809-1880), dem „Eisernen Baron“. Das prächtige Schloss aus dem frühen Mittelalter ist ein Stein gewordenes Zeugnis des Chianti-Ursprungs. Das Weingut ist das langlebigste in Italien und steht weltweit damit an zweiter Stelle. Seine Einzigartigkeit verdankt der Wein Ricasolis Forschungen, mit denen er die Qualität des Chianti-Weins zu höchstem Niveau brachte, wofür der Wein vom Schloss Brolio auf der Pariser Weltausstellung 1867 eine Goldmedaille erhielt.

Das Schloss Brolio, das seit 32 Generationen im Familienbesitz ist, gewährt den Besuchern Einblick in seine interessante Geschichte, veranstaltet Weinverkostungen und Führungen durch die beeindruckenden Räumlichkeiten, die üppig mit Kunstschätzen ausgestattet sind. Brolio ist eine der bedeutendsten Sehenswürdigkeiten im Chianti.

* „Castello di Volpaia“ © openroads.com (bearbeitet), [CC BY 2.0] über Flickr